Blumer Lehmann hat am Stammsitz Erlenhof in Gossau (SG) eine neue Produktionslinie für Brettschichtholz (BSH) und Brettsperrholz (BSP) in Betrieb genommen. Das Unternehmen schließt damit die letzte Lücke in der innerbetrieblichen Wertschöpfungskette: Aus rund 175.000 Festmetern Schweizer Rundholz entstehen vor Ort nun Schnittholz, Hobelware, Keilzinkenprodukte, Profilbretter, Pellets, Module sowie Holzbauaktivitäten – und ab sofort auch BSH- und BSP-Elemente. Urban Jung, Geschäftsführer des Holzindustriebereichs, begründet die Investition mit dem Ziel, einen Teil des Leimholzes nicht länger zuzukaufen, sondern selbst zu produzieren. Blumer Lehmann kann nun gerade BSH-Träger mit bis zu 14 Metern Länge fertigen. Die BSP-Produktion erfolgt mit einem neuen, patentierten Verfahren namens CLT-clever, das bis zu 30 % Material einsparen kann.

Was unterscheidet CLT-clever von klassischem Brettsperrholz?

Klassisches Brettsperrholz besteht aus vollflächig kreuzweise angeordneten Lagen. Bei CLT-clever bilden die äußeren Schichten einschichtige Massivholzplatten. Dazwischen liegen jedoch keine durchgehenden Querlagen, sondern gezielt positionierte Lamellenstrukturen. Diese Mittellagen werden individuell für jedes Bauteil zusammengestellt: Je nach statischer Anforderung lassen sich Lamellen in Längs- und Querrichtung kombinieren. An definierten Kreuzungspunkten können durchlaufende Lamellen Lasten direkt auf punktuelle Auflager übertragen. Material wird nur dort eingesetzt, wo es konstruktiv tatsächlich benötigt wird. Dabei kommen neben PU-Klebstoff auch Schmelzklebstoffe zum Einsatz.

Ein wesentlicher Unterschied zu vielen vergleichbaren Konzepten: Es werden keine vorgefertigten Rippenelemente hergestellt. Stattdessen erfolgt die gesamte Plattenfertigung in einem einzigen Produktionsvorgang und ohne Raster – dank des ausgereiften Konzepts des slowenischen Maschinenbauers Ledinek. Verpresst werden die Elemente mit einer X-Press 12 für Plattenformate bis 12 × 3,5 Meter.

Vertikale Integration: Vom Sägewerk bis zum Holzbau unter einem Dach

Die neue Anlage in Gossau ist mehr als eine Kapazitätserweiterung – sie ist ein strategischer Hebel. Blumer Lehmann deckt nun alle Stufen der Holzbearbeitung ab, von der Rundholzanlieferung über die Schnittholztrocknung, Keilzinken- und Hobelfertigung bis hin zur BSH- und BSP-Produktion, Modulbau und Holzbauausführung. Für ein mittelständisches Unternehmen ist diese vollständige Wertschöpfungskette außergewöhnlich. Die meisten Holzbaubetriebe kaufen BSH und BSP von spezialisierten Herstellern wie Pollmeier oder W. u. J. Derix zu. Blumer Lehmann kann nun Lieferzeiten und Qualitäten direkt steuern – und die Marge der Vorstufe im eigenen Haus halten.

Die Investition in die kombinierte BSH-/BSP-Linie signalisiert auch, dass Schweizer Holzindustrie zunehmend auf lokale Rundholzverarbeitung setzt. Rund 175.000 Festmeter Schweizer Rundholz werden am Stammsitz Erlenhof bereits heute verarbeitet. Mit der Eigenproduktion von BSH und BSP entfällt der Import von Leimholz aus Deutschland oder Österreich für einen Teil des Bedarfs – ein Vorteil in Zeiten volatiler Transportkosten und Lieferengpässe.

Materialeinsparung: Statik-optimierte Lamellenanordnung statt Vollflächenelement

Die 30-Prozent-Einsparung von CLT-clever ist statisch fundiert: Brettsperrholz wird in der Regel für Wand-, Decken- oder Dachelemente eingesetzt. In vielen Fällen sind jedoch nicht alle Bereiche des Querschnitts gleichmäßig belastet. Klassisches BSP ist daher häufig überdimensioniert. CLT-clever ermöglicht eine lastgerechte Lamellenanordnung – ähnlich wie bei Rippendecken im Stahlbetonbau. An Kreuzungspunkten durchlaufender Lamellen können Lasten direkt auf punktuelle Auflager übertragen werden, ohne dass dazwischen voluminöse Querschnitte nötig sind. Das spart Holz, Gewicht und Klebstoff – und reduziert die CO₂-Bilanz des Bauteils.

Für Planer und Statiker bedeutet das neue Verfahren mehr Freiheitsgrade: Jedes Bauteil kann individuell auf die tatsächlichen Lasten und Auflagerpunkte abgestimmt werden. Allerdings erfordert das auch eine präzise statische Bemessung bereits in der Planungsphase. Die Digitalisierung der Prozesskette – vom BIM-Modell bis zur CNC-gesteuerten Lamellenpositionierung – ist für CLT-clever essenziell. Blumer Lehmann hat hier einen Wettbewerbsvorteil: Das Unternehmen verfügt über langjährige Erfahrung in der Modulproduktion und digitalen Holzbauplanung, die nun direkt in die BSP-Fertigung einfließt.

Auswirkungen auf die Schweizer Holzbaubranche

Die Inbetriebnahme der neuen Linie in Gossau dürfte andere Schweizer Holzindustriebetriebe beobachten lassen. Viele Holzbauunternehmen und Sägewerke importieren BSH und BSP nach wie vor aus Deutschland, Österreich oder Italien. Blumer Lehmann zeigt, dass sich vertikale Integration auch im kleineren Schweizer Markt rechnen kann – vorausgesetzt, die Auslastung stimmt und die Investition in automatisierte Maschinen wird durch Skaleneffekte getragen. Der Schweizer Schreinerverband hatte bereits auf die Bedeutung lokaler Wertschöpfungsketten hingewiesen; Blumer Lehmann liefert nun ein konkretes Beispiel.

Für Holzbau-Architekten und Generalunternehmer ist das neue Werk ein zusätzlicher Lieferant mit integrierter Prozesskette – und mit einem technischen Alleinstellungsmerkmal. CLT-clever ist patentiert, und die Materialeinsparung von bis zu 30 % dürfte insbesondere bei größeren Projekten mit hohen Holzkosten relevant sein. Ob sich das Verfahren gegen etablierte BSP-Systeme durchsetzt, hängt von der Akzeptanz bei Statikern, Prüfingenieuren und Bauherren ab. Die Zulassung und bauaufsichtliche Anerkennung sind entscheidend – Blumer Lehmann hat hier den Vorteil, dass die Ledinek-Anlage bereits in mehreren Ländern im Einsatz ist und das Konzept technisch erprobt wurde.

Fazit: Ein Signal für die Zukunft der Schweizer Holzindustrie

Mit der neuen BSH- und BSP-Linie hat Blumer Lehmann den Traum vieler Holzindustriebetriebe verwirklicht: Stamm rein, Haus raus. Die vollständige Wertschöpfungskette am Standort Gossau ist in der Schweiz außergewöhnlich und setzt ein Signal für lokale Rundholzverarbeitung, kurze Lieferketten und statisch optimierte Holzbauprodukte. Das CLT-clever-Verfahren mit bis zu 30 % Materialeinsparung zeigt, dass Innovation im Holzbau nicht nur in der Bauweise, sondern auch in der Werkstoffproduktion möglich ist. Ob sich das Verfahren in der Praxis durchsetzt, wird die Akzeptanz auf Baustellen und in Planungsbüros zeigen – die technischen Voraussetzungen sind jedenfalls geschaffen.

Quellen