Eine aktuelle Befragung des Schweizer Branchenportals ofri.ch bringt es an den Tag: Mehr als die Hälfte der befragten Handwerksbetriebe stuft die Digitalisierung als Chance ein. Das klingt nach Aufbruch – doch die relevante Perspektive verbirgt sich in der Komplementärmenge: Fast jeder zweite Betrieb blickt skeptisch auf ERP-Systeme, CAD-CAM-Kopplung und digitale Auftragsverwaltung. Diese Zurückhaltung hat konkrete Ursachen und noch konkretere Folgen – gerade in Branchen wie Innenausbau, Tischlerei und Möbelfertigung, in denen Möbelfertigung 4.0 längst kein Zukunftsszenario mehr ist, sondern Wettbewerbsrealität.

Die andere Hälfte: Wer zögert und warum?

Die Umfrage von ofri.ch liefert keine detaillierte Aufschlüsselung nach Betriebsgröße oder Gewerk – doch Erfahrungen aus der Branche erlauben fundierte Rückschlüsse. Besonders kleinere Tischlereien und Ein- bis Drei-Personen-Betriebe zögern bei der Investition in digitale Infrastruktur. Die Gründe sind bekannt: hohe Initialkosten für Software-Lizenzen, fehlende IT-Kompetenz im Team, Sorge vor Kompatibilitätsproblemen mit bestehenden Maschinen und nicht zuletzt die Befürchtung, dass sich die Investition bei geringem Auftragsdurchsatz nicht rechnet.

Ein zweiter, oft unterschätzter Faktor ist die Betriebskultur. In Handwerksbetrieben mit langjähriger Tradition dominiert häufig implizites Wissen: Materialstärken, Schubladenmaße, bevorzugte Beschlaghersteller wie Hettich oder Julius Blum – all das ist im Kopf des Meisters gespeichert, nicht im System. Der Umstieg auf durchgängige Datenflüsse erfordert nicht nur Software, sondern auch die Bereitschaft, Prozesse zu standardisieren und Transparenz zu schaffen. Das wird mitunter als Kontrollverlust empfunden.

Konkrete Hürden in Tischlerei und Innenausbau

Wer Möbelfertigung ohne digitale Werkzeuge betreibt, stößt an sichtbare Grenzen. Die Kalkulation eines Einzelmöbels – Korpus aus Multiplex, Fronten furniert, Schubkastensystem mit Push-to-Open-Dämpfer – erfordert Materialmengen, Verschnitt, Arbeitszeit, Beschlagkosten und Oberflächenbehandlung. Ohne ERP-System geschieht das in Excel oder sogar handschriftlich, mit entsprechend hoher Fehlerquote. Ein falscher Preis kann bei einer Einbauküche schnell mehrere tausend Franken kosten.

Noch kritischer wird es bei der Schnittstelle zur Fertigung. Moderne CNC-Zentren von Homag oder vergleichbaren Anbietern erwarten Daten in standardisierten Formaten. Wer CAD-Zeichnungen manuell in Maschinencode übersetzt, verschenkt nicht nur Zeit, sondern auch Präzision. In der Serienproduktion von Korpusteilen – etwa für Hotelmöblierung oder Objektausstattung – wird dieser Medienbruch zum Wettbewerbsnachteil. Digitalisierte Konkurrenz liefert schneller, mit geringerer Fehlerquote und transparenter Nachverfolgung.

Material- und Lieferkettenmanagement

Die Verfügbarkeit von Plattenmaterial, sei es Kronospan-MDF oder Massivholz vom Sägewerk, schwankt. Wer keine digitale Lagerverwaltung führt, verliert den Überblick über Restbestände und Mindestabnahmemengen. Das führt zu unnötigen Eilbestellungen mit Expressaufschlägen oder zu Projektverzögerungen, weil ein bestimmtes Dekor nicht mehr verfügbar ist. Betriebe mit ERP-System können über automatische Bestellvorschläge und Lieferanten-Schnittstellen gegensteuern – ein Vorteil, der gerade in volatilen Marktphasen an Bedeutung gewinnt.

Die Folgen für die Möbelindustrie: Konzentration und Spezialisierung

Wenn ein relevanter Teil der Handwerksbetriebe den Digitalisierungsschritt nicht vollzieht, verschärft sich die Polarisierung der Branche. Auf der einen Seite stehen hochautomatisierte Fertigungsbetriebe, die mit durchgängigen Datenflüssen, Roboter-Bestückung und KI-gestützter Verschnittoptimierung arbeiten. Sie bedienen Großprojekte, Objektgeschäft und zunehmend auch individualisierten Onlinevertrieb. Auf der anderen Seite bleiben kleinere Handwerksbetriebe, die auf Einzelaufträge, lokale Kundschaft und persönliche Beratung setzen – mit allen Vorteilen, aber auch mit strukturellen Kostennachteilen.

Diese Zweiteilung hat Konsequenzen. Betriebe ohne digitale Infrastruktur werden bei Ausschreibungen benachteiligt, weil Auftraggeber zunehmend BIM-Kompatibilität und digitale Baudokumentation verlangen. Im privaten Neubau und Innenausbau – etwa bei der Planung einer maßgefertigten Einbauküche – erwarten Kunden 3D-Visualisierungen und verbindliche Liefertermine. Wer das nicht bieten kann, verliert Aufträge an digital aufgestellte Wettbewerber oder an Systemanbieter wie Nobilia, die mit konfigurierbaren Modulen und kurzen Lieferzeiten punkten.

Nachwuchsgewinnung und Arbeitgeberattraktivität

Ein weiterer, oft übersehener Effekt: Junge Fachkräfte erwarten moderne Arbeitsmittel. Wer als Schreiner-Lehrling oder Tischlermeister mit Durchschlagpapier und Faxgerät arbeiten muss, während Freunde in anderen Branchen mit cloudbasierten Tools und Tablets hantieren, empfindet das als Rückschritt. Die Nachwuchsförderung wird so erschwert – ein Teufelskreis, denn ohne qualifizierte Mitarbeiter fehlt auch die Kapazität für Digitalisierungsprojekte.

Gründe für Skepsis: Nicht immer irrational

Dennoch wäre es verkürzt, die Zurückhaltung pauschal als Fortschrittsfeindlichkeit zu deuten. Viele Betriebe haben schlechte Erfahrungen mit überdimensionierten Software-Lösungen gemacht, die mehr Aufwand als Nutzen brachten. Ein ERP-System, das für eine 50-Personen-Schreinerei konzipiert wurde, überfordert einen Drei-Personen-Betrieb. Schulungen sind teuer, der Support oft unzureichend, und Updates sorgen für Unterbrechungen im Tagesgeschäft.

Hinzu kommt die Frage der Datensicherheit. Wer Kundendaten, Kalkulationen und Konstruktionszeichnungen in die Cloud überträgt, gibt einen Teil der Kontrolle ab. Für inhabergeführte Betriebe, die über Jahrzehnte auf Diskretion und persönliche Kundenbeziehungen gesetzt haben, ist das eine echte Hemmschwelle. Ransomware-Angriffe auf Handwerksbetriebe sind keine Seltenheit mehr – und wer einmal Opfer wurde, denkt zweimal nach, bevor er die gesamte Auftragsabwicklung digitalisiert.

Wege aus der Digitalisierungsfalle

Die Lösung liegt nicht in der Maximalmaxime „digitalisiere alles", sondern in modularen, skalierbaren Ansätzen. Kleine Tischlereien müssen nicht mit einem vollintegrierten ERP-System starten. Erste Schritte können sein: digitale Aufmaßerfassung per Tablet, cloudbasierte Projektverwaltung mit einfachen Tools, CAD-Software mit direkter CNC-Anbindung. Sobald sich der Nutzen zeigt – etwa durch Zeitersparnis bei der Angebotserstellung oder durch geringeren Materialverschnitt –, steigt die Bereitschaft für weitere Investitionen.

Branchenverbände und Hersteller könnten hier stärker unterstützen. Häfele etwa bietet für Beschlaglösungen bereits digitale Planungstools, die sich in gängige CAD-Systeme integrieren lassen. Ähnliche Ansätze gibt es bei Oberflächenherstellern und Plattenzulieferern. Wenn solche Tools niedrigschwellig, kostenfrei oder zumindest kostengünstig verfügbar wären, würde die Einstiegshürde sinken.

Regionale Kooperationen und Cluster

Ein vielversprechender Ansatz sind regionale Digitalisierungsinitiativen, bei denen mehrere Betriebe gemeinsam in Infrastruktur investieren oder Schulungen organisieren. Wenn fünf Tischlereien sich die Lizenzkosten für eine hochwertige CAD-Software teilen oder einen gemeinsamen IT-Dienstleister beauftragen, sinken die Kosten pro Betrieb erheblich. Solche Cluster-Modelle funktionieren besonders in ländlichen Regionen, wo die Konkurrenzsituation weniger scharf ist und Kooperation Tradition hat.

Was die Umfrage nicht sagt – und was fehlt

Die ofri.ch-Umfrage liefert ein Stimmungsbild, aber keine quantifizierten Hemmnisse. Wir erfahren nicht, wie viele Betriebe konkret an Softwarekosten scheitern, wie viele an fehlender Schulung, wie viele an mangelnder Breitbandanbindung. Auch die Frage, ob es regionale oder branchenspezifische Unterschiede gibt – ob also Tischler anders ticken als Schreiner, ob Objektausstatter anders als Küchenbauer –, bleibt offen. Künftige Erhebungen sollten hier differenzieren, um passgenaue Förderangebote zu entwickeln.

Ebenso fehlt die Erfolgsmessung bei Betrieben, die bereits digitalisiert haben. Wie hoch waren die tatsächlichen Kosten, wie lange die Amortisationszeit, welche konkreten Effizienzgewinne wurden erzielt? Solche Benchmarks würden skeptischen Betriebsinhabern Orientierung bieten und realistische Erwartungen setzen. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, dass gerade in der Neuausrichtung klare Erfolge sichtbar werden – wenn der Prozess strukturiert angegangen wird.

Fazit: Digitalisierung ist kein Selbstzweck – aber Stillstand hat seinen Preis

Die ofri.ch-Umfrage zeigt: Die Handwerksbranche steht nicht geschlossen hinter der Digitalisierung, sondern ist gespalten. Das ist weder überraschend noch per se problematisch. Kleinbetriebe mit stabiler Auftragslage und regionaler Kundschaft können auch ohne ERP-System überleben – solange sie ihre Nische behaupten und ihre Stärken ausspielen.

Doch der Preis des Zögerns steigt. Wer heute nicht in digitale Prozesse investiert, zahlt morgen mit Wettbewerbsnachteilen, höheren Fehlerquoten und Schwierigkeiten bei der Nachwuchsgewinnung. Die Frage ist nicht, ob digitalisiert wird, sondern wie schnell, in welchem Umfang und mit welcher Strategie. Betriebe, die das pragmatisch angehen – modular, skalierbar, mit klarem Fokus auf den eigenen Bedarf –, werden die Transformation erfolgreich meistern. Die anderen riskieren, in eine strukturelle Randposition zu geraten, aus der es immer schwerer wird, den Anschluss zu finden.

Die Holzbranche braucht beide: innovative Vorreiter, die neue Standards setzen, und solide Handwerksbetriebe, die Qualität und Kundennähe hochhalten. Doch ohne eine Mindestdosis an digitaler Infrastruktur wird selbst das beste Handwerk bald unsichtbar – weil der Kunde es nicht mehr findet, der Auftraggeber es nicht mehr einbindet und der Nachwuchs es nicht mehr attraktiv findet.

Quellen