Der Hamburger Möbelhersteller „more – Zeitlose Möbel" hat seinen Katalog für 2024 als kompakte Ausgabe veröffentlicht. Statt des klassischen Dickdruck-Formats setzt die Marke auf eine reduzierte Präsentation – ein Schritt, der auf eine strategische Neuausrichtung der Markenkommunikation hindeutet. Die Entwicklung wirft die Frage auf, welche Kollektionen im Fokus stehen, welche zurückgedrängt werden und was das für die Positionierung von MORE im hart umkämpften Premiumsegment bedeutet.

Schlankes Format als Strategie-Signal

Die Entscheidung, vom umfassenden Hauptkatalog zu einem kompakten Format zu wechseln, ist für einen Hersteller im gehobenen Segment ungewöhnlich. Traditionell setzen Premiummarken auf großzügige Bildstrecken und ausführliche Produktbeschreibungen, um Materialqualität und handwerkliche Details zu vermitteln. Ein kompakter Katalog legt nahe, dass MORE entweder die Produktpalette konsolidiert oder den Fokus verstärkt auf digitale Kanäle verschiebt.

Für Tischler- und Einrichtungsbetriebe, die Möbelfertigung im Auftrag oder in Zusammenarbeit mit Herstellern betreiben, ist die Frage nach Materialangaben zentral. Möbel im Premiumsegment werden typischerweise aus Massivholz oder hochwertigen Holzwerkstoffen mit Furnier-Oberflächen gefertigt. Ein schlanker Katalog kann technische Details wie Holzart, Oberflächenbehandlung und Fertigungsverfahren nur begrenzt darstellen – ein Nachteil, wenn Betriebe Kunden über Herkunft und Verarbeitungstechnik aufklären wollen.

Welche Kollektionen bleiben – und warum?

Die Auswahl der im Kompaktkatalog präsentierten Kollektionen gibt Aufschluss über die Priorisierung im Portfolio. Hersteller im Premiumbereich konzentrieren sich zunehmend auf Bestseller und reduzieren Nischen- oder Experimentallinien, um Lagerkosten zu senken und Lieferfähigkeit zu sichern. Die Verknappung des Katalogformats kann darauf hindeuten, dass MORE sich auf Kernprodukte konzentriert, die hohe Abverkaufsraten und stabile Nachfrage garantieren.

Für Händler und Tischlereien bedeutet das: Weniger Varianten bei Holzarten, Oberflächenfinishes und Abmessungen. Die Entwicklung steht im Kontrast zu anderen Hamburger Möbelmarken, die auf breite Produktvielfalt setzen – ein Hinweis darauf, dass MORE auf Profitabilität statt Sortimentsbreite setzt. Das kann Auswirkungen auf Lieferzeiten haben, denn eine reduzierte Produktpalette erlaubt es, Lagerbestände besser zu planen und Durchlaufzeiten in der Produktion zu verkürzen.

Digitalisierung als Katalog-Ersatz

Ein kompakter Printkatalog ist oft das Ergebnis einer Verlagerung von Informationstiefe auf digitale Plattformen. Konfigurationstools, 3D-Visualisierungen und digitale Materialbibliotheken ersetzen die haptische Erfahrung des Blätterns durch interaktive Produktdarstellungen. Für Betriebe, die in der Innenausbau-Planung tätig sind, bedeutet das: Der Katalog dient nur noch als Einstieg, während Details über technische Daten, Maßtoleranzen und Kombinierbarkeit online abgerufen werden müssen.

Die Herausforderung liegt darin, dass nicht alle Zielgruppen gleich digital affin sind. Während jüngere Innenarchitekten und Planer digitale Tools nutzen, bevorzugen viele Tischlermeister und Einrichtungsberater nach wie vor gedruckte Unterlagen. Eine zu starke Fokussierung auf digitale Kanäle kann dazu führen, dass traditionelle Vertriebswege vernachlässigt werden – ein Risiko, das auch andere Premiummarken wie Csak Space Berlin und Tylko Berlin in den vergangenen Jahren erfahren haben.

Markenkommunikation im Premiummarkt

Der Wechsel zu einem kompakten Katalog ist mehr als eine logistische Entscheidung. Er signalisiert, wie sich MORE im Vergleich zu Wettbewerbern positioniert. Marken wie MAFI Naturholzboden oder Fantoni setzen im Premiumsegment auf ausführliche technische Dokumentationen und detaillierte Materialspezifikationen, um Vertrauen bei Fachkunden aufzubauen. Ein reduzierter Katalog kann den Eindruck erwecken, dass die Marke entweder auf eine breitere Endkundschaft setzt oder Kosten für Printwerbung senken muss.

Für Tischler- und Schreinerbetriebe, die MORE-Produkte einsetzen oder verarbeiten, ist die Frage nach dem Zugang zu technischen Informationen entscheidend. Wenn der Katalog keine Angaben zu Holzfeuchte, Oberflächenbehandlungen oder zulässigen Toleranzen bei der Verarbeitung enthält, muss diese Information über andere Kanäle beschafft werden. Das erhöht den Aufwand in der Angebotsphase und kann die Wahl des Lieferanten beeinflussen.

Auswirkungen auf Handels- und Verarbeitungsbetriebe

Die Neuausrichtung von MORE betrifft nicht nur Marketing, sondern auch die operative Zusammenarbeit mit Partnern. Wenn der Katalog weniger Varianten zeigt, müssen Betriebe prüfen, ob Sonderanfertigungen weiterhin angeboten werden oder ob die Standardisierung zulasten individueller Lösungen geht. Für Kunden, die auf maßgefertigte Furnierholz-Möbel oder spezielle Oberflächenfinishes setzen, kann das ein Nachteil sein.

Zugleich bietet eine fokussierte Produktpalette Chancen: Kürzere Lieferzeiten, bessere Planbarkeit und geringere Fehlerquoten in der Auftragsabwicklung. Betriebe, die standardisierte Lösungen anbieten, können von dieser Entwicklung profitieren, während hochindividualisierte Anbieter möglicherweise auf andere Hersteller ausweichen müssen.

Vergleich mit anderen Herstellern

Die Entwicklung bei MORE steht nicht isoliert. Auch andere Möbelhersteller im Premiumsegment haben in den vergangenen Jahren ihre Katalogstrategien angepasst. Nobilia und Composad setzen auf hybride Modelle, bei denen der Printkatalog als Übersicht dient und detaillierte Informationen digital bereitgestellt werden. Der Unterschied zu MORE liegt im Umfang: Während großvolumige Hersteller Skaleneffekte nutzen können, um sowohl Print- als auch Digitalkanäle zu bedienen, müssen kleinere Premiummarken priorisieren.

Interessant ist, dass die Marke MORE kürzlich beim Schöner-Wohnen-Award erfolgreich war – ein Zeichen dafür, dass die Marke trotz strategischer Verschiebungen im Endkundenmarkt sichtbar bleibt. Die Frage ist, ob diese Sichtbarkeit auch im B2B-Bereich, also bei Tischlereien und Einrichtungsbetrieben, aufrechterhalten werden kann.

Fazit: Strategischer Kurswechsel mit offenem Ausgang

Der Kompaktkatalog von MORE ist ein Indikator für eine strategische Neuausrichtung, deren langfristige Auswirkungen auf die Marktstellung noch nicht absehbar sind. Für Fachbetriebe bedeutet die Entwicklung: Weniger Produktvielfalt, möglicherweise schnellere Verfügbarkeit, aber auch höherer Aufwand, technische Details zu recherchieren. Die Verschiebung hin zu digitaler Kommunikation ist branchenweit zu beobachten, doch im Premiumsegment bleibt die Frage, ob die Reduktion des Printkatalogs als Zeichen von Effizienz oder als Verzicht auf haptische Markenerfahrung wahrgenommen wird.

Mehr zur strategischen Ausrichtung von MORE findet sich im Artikel MORE Hamburg: Welche Designstrategie steckt hinter dem Katalog 2025?. Weitere Entwicklungen im Bereich Möbelfertigung 4.0 zeigen, wie digitale Werkzeuge die Branche verändern.

Quellen